Nur wenn ich denken möchte, schlaf ich ein. Doch wenn ich schlafen möchte, muss ich denken.

Die Forderung nach einer – im allgemeinen Sinne – verständlichen Literatur ist die hilflose Geste derjenigen, die vom Dichter verlangen, alle Antworten bereits zu kennen. Dieses Verlangen ist Ausdruck der Angst vor den (dem) Fragen, vor dem Selber-Denken. Die Figur des fragenden, des zweifelnden oder gar verzweifelnden Dichters ist die Angstgestalt der Nach-Denker, derjenigen, die eines Vor-Denkers bedürfen.


ESEL PFLÜCKEN VIOLETTE KRÜGE AUS DEN WOLKEN 

und streuen Salz in ihre Marmeladetöpfe.
Philologen grübeln nachts, zerbrechen sich die Köpfe
wenn sie die Träume aus der Seife polken.
Der Taucher hat es einfach: er will tauchen
und muss sich nicht verzweifelt seine Haare raufen.

(Werkstatterzeugnis aus Aqtöbe)


ICH SCHREIBE EIN GEDICHT

Eine Minute lang halte ich
die Kamera ins Dunkel
und filme einen leeren Biergarten in Bishkek
in dem einer einsam
auf seiner E-Gitarre improvisiert
bis eine Motte
auf meinem Kopf landet.
Es scheint ruhig zu sein dort. 


Il etait autrefois un olivier

il ronronnait comme un chaton
quand je caressais ses propres
feuilles douces.

Maintenant il est vieux.
Il s’assoie au bord du pot de fleurs
et compte les cigarettes fumées.

* * * * *

Übersetzung des Gedichts Er war früher ein Olivenbaum durch Alaa Zouiten.


IN DER MARSHRUTKA NACH KANT

lesen sich die Nachbarn Bauch an Bauch
aus ihren dichtbedruckten feuchten Händen.

Dann wächst ein bisher ungekanntes Zeichen aus der Haut.
Im grünen Licht. An der elften Station.

Die Nachbarn flüstern. Sie raunen.
Es gibt zu viele Rosenkreuzer in Bishkek.

Ich dränge mich vorbei an starren grünen Mienen
und atme auf im abendlichen Kant.

DIE BIBLIOTHEK

Bauch an Bauch lesen die Nachbarn
sich aus den dichtbedruckten feuchten Händen

an der elften Station wächst im grünen Licht der Kammer
ein bisher ungekanntes Zeichen aus der Haut

sie flüstern und raunen in der warmen Enge
verzweifelt dränge ich mich mich durch die starren grünen Mienen

empört heult die Maschine auf
im abendlichen Kant erwache ich aus der Marshrutka


DAS GESPRÄCH DER HÄUSER

ist lebhaft geworden
seit die Passanten das Sprechen verlernten.

Aber das stimmt so nicht.
Die sprechen jetzt mit Hilfe leuchtender Schatullen.

Eine Schar Strauße, die manchmal lächeln
unter dem Netz flüsternder Drähte.


ALS DER VOLLMOND AM FRÜHEN ABEND

noch träge über dem Rand der irrlichternden Stadt hing
sprach mich eine Mütze an, tief
über Bart, Sakko und Trainingshose gezogen:
Dzhigit, fragte sie, hast Du drei Spiczki für mich?
Ich gab die ganze Schachtel, zum Dank
an einen Spender in Almaty
zwei andere boten mir Vodka, ich nahm an
und wir tranken zwei, tranken drei, tranken sieben
auf Mond und Mädchen und einen weiteren
auf die reinigende Kraft der Ausschweifung
später spielten wir Fußball im Hinterhof
oder sonstwo, es waren so einige noch hinzugekommen
mit Hunden und Pferden und Vodka, noch mehr Vodka
vielleicht waren wir gar nicht im Hinterhof
sondern spielten Vodka im Zelt, ich meine Fußball
mit Vodka ist nicht gut Ball spielen
das bestätigten mir auch Ioana und Aigerim
vielleicht waren die auf weißen Kamelen gekommen
während wir tanzten schimpfte ich laut
dass sie mir die Kamele vorenthalten hatten, ich liebe Kamele
ihre sanften Augen, den Feenstaub ihrer Wimpern
das konnte Ioana kaum glauben, Aigerim wusste genau
wovon ich sprach, das hatte ich von Anfang an gespürt
ich konnte es daran erkennen, wie sie ihre Lippen spitzte
wenn sie vorsichtig und in kleinen Schlucken den Vodka trank
von einem Erwachen ist nicht zu reden
doch erwachen mussten wir
in einem grell ausgeleuchteten Krater
der südlichen Hemisphäre eines sehr trägen Mondes


BELLA ITALIA, BISHKEK

nach pizza napoli e vino bianco
den Kopf an die Schulter der kleinen Elefantin lehnen
und ein Buch herbeiwünschen
während draußen der Schneematsch verdämmert
und ein Neujahrsbaum im Fenster blinkt
und es gibt kein Buch, nur dieses kleine Gedicht:
das ist ein gutes,  träges Ferienglück


EINST LEBTEN ELEFANTEN UND DELFINE

diese stolzen, grauen Tiere
weit oben in den Wolken
wo sie gemeinsam kochten, aßen, liebten.

Samstags gab es Meeresfrüchte, Sonntags Krokodile
die sie mit Termiten, Koriander und Bananen
genüsslich dünsteten und brieten.


IM TAXI NACH TASHKENT

wurde Simons Magen seit Buchará
in jedes Schlagloch gestaucht

und lernte dort Marder
Käfer & Teppichknüpfer kennen.

In einigen Teppichen meinte er
Simons Weg verwoben zu sehen.

Der aber wollte nicht hören, dachte nur
an seinen verdorbenen Magen.


ALS VOR DEM IMBISS

eine betrunkene Alte zu tanzen begann
mit lackierten Nägeln die Hüften umschlang
drangen Bündel narbiger Arme in meinen Rachen
und fingen das Graben an

Bevor sie die Brieftasche im Dünndarm zu fassen bekamen
waren die Fritten fertig, goldgelb und knusprig
sich loszureißen war leichter als gedacht
nur die Gedanken blieben

bis ich meine Finger wusch an diesem Papier


IN DER KÜCHENGEMEINSCHAFT

riefen fünf Marktschreier
auf fünf weit entfernten Monden

an Küchendecke und Fliesen
blühten gleichgültig Astern

in der Ebene zwischen den Versen
versickerte der Tschüi

worüber gesprochen wurde
ist nicht überliefert


MICHELLE, ICH HABE GETRÄUMT VON DIR

Wir hörten Musik vor Publikum
Du mixtest mir Drinks aus Vodka, Fanta und Tabasco.
Jakob Kraner war unser DJ, und er war verdammt gut.
Du warst ganz wunderbar gesprächig, kanntest jeden am Ort
Deine Freunde waren alle sehr herzlich zu mir.
Ich trug einen langen dunklen Mantel und Trainingshosen
und fühlte mich unbeschreiblich wohl darin.
Später rauchten wir Camel im Schloßgarten
und Du zeigtest mir Bern
eine Collage von Bildern aus einem Mittelalterbuch für Kinder.
Das lag wohl daran, dass ich
vor dem Einschlafen an Theoderich gedacht hatte
und noch immer auf Dein Gedicht
über geräucherte Unterhosen warte.