ICH TRAGE DIES BÜCHLEIN BEI MIR

jeden Tag als ob Regen
sich sammeln könnte darin.

Verse von Bettlern, Verrückten, von Milizionären
denen das Handgeld ihrer Verzweiflung
zur Gewohnheit geworden ist.

Der Regen ist sperrig geworden.
Die Maschen des Siebes sind eng.

An traurigen grauen Tagen
wünsch ich mir Regen
an sonnigen Tagen für Dich.


EIN LEHRREICHES GEDICHT 

Ein Riesenrad im Morgennebel. 
In einem unbewohnten Haus 
ein kichernder Sessel. 

Ein summender Stift 
der unter einem Katarakt aus Fliegen 
seine erste Liebe trifft. 

Vielleicht ist dies 
kein lehrreiches Gedicht. 

Dies ist der Traum 
eines träumenden Fischs.


TASCHENBILDER

müde Kalke kriechen abwärts
durch die alten Schläuche: Schmerz.

Junge Kalke heißen Wein und springen
bringen Bauchredner zum Singen.

(Werkstatterzeugnis aus Astana.
Gedicht mit vier Versen auf die Wörter:
Bauchredner, Schmerz, springen, Tasche, Bild)


Nur wenn ich denken möchte, schlaf ich ein. Doch wenn ich schlafen möchte, muss ich denken.

Die Forderung nach einer – im allgemeinen Sinne – verständlichen Literatur ist die hilflose Geste derjenigen, die vom Dichter verlangen, alle Antworten bereits zu kennen. Dieses Verlangen ist Ausdruck der Angst vor den (dem) Fragen, vor dem Selber-Denken. Die Figur des fragenden, des zweifelnden oder gar verzweifelnden Dichters ist die Angstgestalt der Nach-Denker, derjenigen, die eines Vor-Denkers bedürfen.


ESEL PFLÜCKEN VIOLETTE KRÜGE AUS DEN WOLKEN 

und streuen Salz in ihre Marmeladetöpfe.
Philologen grübeln nachts, zerbrechen sich die Köpfe
wenn sie die Träume aus der Seife polken.
Der Taucher hat es einfach: er will tauchen
und muss sich nicht verzweifelt seine Haare raufen.

(Werkstatterzeugnis aus Aqtöbe)


BELLA ITALIA, BISHKEK

nach pizza napoli e vino bianco
den Kopf an die Schulter der kleinen Elefantin lehnen
und ein Buch herbeiwünschen
während draußen der Schneematsch verdämmert
und ein Neujahrsbaum im Fenster blinkt
und es gibt kein Buch, nur dieses kleine Gedicht:
das ist ein gutes,  träges Ferienglück


EINST LEBTEN ELEFANTEN UND DELFINE

diese stolzen, grauen Tiere
weit oben in den Wolken
wo sie gemeinsam kochten, aßen, liebten.

Samstags gab es Meeresfrüchte, Sonntags Krokodile
die sie mit Termiten, Koriander und Bananen
genüsslich dünsteten und brieten.


FÜNF GREISE GALANE AUS AŞGABAT

sitzen aufrecht auf ihren Besen
und fliegen gekrümmte Nasen durch die Gegend.
Im Wind flattern Kaftane.

Wir trinken Kaffee mit Schuss
auf dem Flugfeld
& begutachten die Schau.

(für Eugen Egner)


SIE SCHMECKT NACH ABENDSCHIMMER

auch zwischen ihren Schenkeln.
Anton schließt die Augen.

Hat so vieles Lächeln, Staunen schon gesehen
dass ihm die Fremden

oft als Schwestern, Brüder
seiner Freunde scheinen.

Nur diesen Abendschimmer
kannte er noch nicht.


»MIT EINEM GESICHT WIE TAUBEN«

lese ich im namenlosen Buch
des namenlosen Mannes in der Tram.

Wie sind Tauben?
Sie sind grau, sind viele.

Sie taumeln elegant — wenn keiner schaut —
im Sturm von Haus zu Haus.

Alle sind wir Tauben
in der namenlosen Stadt.

(für Katharina & Martin)


SIE WOHNE IM KOFFER

sagt sie, ein Sesselchen, drei Bücher
das müsse reichen
keine Kehrwoche mehr, keine flüsternden Nachbarn
nur ein Küchentisch fehle manchmal
die langen Stunden mit Zigaretten und Wein
und doch, besser wären nur
Zelt und Kamel

(für Kinga Tóth)


DER JUTTA IHR LUTHER

angelt nach Futter.
Sie schwimmt in Butter,
er, auf dem Kutter,
sieht nicht die Mutter
der Schraube am Kutter.
Der sinkt in die Butter
und ganz ohne Futter
schwimmt Luther zur Jutta.


DIE ALTE DAME AUS DEM TREPPENHAUS

jung wirkt sie
immer akkurat, frisiert, gefärbt
langsamer ist sie geworden
wenn wir uns sehen grüßen wir
gesprochen haben wir ein Mal
von Balkon zu Balkon
seit dem Bau des Hauses wohne sie hier
seit dreißig Jahren vielleicht
sie wisse es nicht genau
ich lud sie ein zum Kaffee, sie lehnte ab
das war kurz nach meinem Einzug
vor sechs Jahren