ACH

es ist einer dieser
kirgisischen Abende am Küchentisch mit Cognac
an dem Zigaretten nur stören würden
weil soviel zu sagen ist
und mehr nicht
singen die Vögel vor dem Fenster
bis es hell wird

(für Ainagul)


EIN FLÜCHTIG 

beschriebenes Papier im Wind
Du bindest mich zärtlich
in unser Buch


ICH TRAGE DIES BÜCHLEIN BEI MIR

jeden Tag als ob Regen
sich sammeln könnte darin.

Verse von Bettlern, Verrückten, von Milizionären
denen das Handgeld ihrer Verzweiflung
zur Gewohnheit geworden ist.

Der Regen ist sperrig geworden.
Die Maschen des Siebes sind eng.

An traurigen grauen Tagen
wünsch ich mir Regen
an sonnigen Tagen für Dich.


UNSRE HERZEN SCHLAFEN

auf dem Mond in einem See.
Wir sitzen in Taxen, in Zügen
auf Bänken im Park.

Das Gespräch unsrer Haut
geht vom Blau, geht vom Weiß
von Medusen.

Dein Du mich ich Dich.
Bitte sag nie irgendwann.


EIN LEHRREICHES GEDICHT 

Ein Riesenrad im Morgennebel. 
In einem unbewohnten Haus 
ein kichernder Sessel. 

Ein summender Stift 
der unter einem Katarakt aus Fliegen 
seine erste Liebe trifft. 

Vielleicht ist dies 
kein lehrreiches Gedicht. 

Dies ist der Traum 
eines träumenden Fischs.


ICH MÖCHTE DIE ZEIT

totschlagen mit diesem Gedicht
doch selbst dazu ist es zu schlicht.


TASCHENBILDER

müde Kalke kriechen abwärts
durch die alten Schläuche: Schmerz.

Junge Kalke heißen Wein und springen
bringen Bauchredner zum Singen.

(Werkstatterzeugnis aus Astana.
Gedicht mit vier Versen auf die Wörter:
Bauchredner, Schmerz, springen, Tasche, Bild)


NOCH GEHT DIE WELT NICHT UNTER

Er lässt ausrichten
er sei auf unbestimmte Zeit verreist.

Sanfte Stimme, Regenschirm.
Die Koffer lange schon gepackt.

Bevor er in den Rover steigt
bringt er dem Nachbarn die Katzen.

(für Christopher Steele)


IM TRAUM

lache ich über den Freund
der versucht die Limonade
an den Schnaps anzuschließen
den ich ihm reiche
um die Musik zu verstärken

(für Max Oravin)


ESEL PFLÜCKEN VIOLETTE KRÜGE AUS DEN WOLKEN 

und streuen Salz in ihre Marmeladetöpfe.
Philologen grübeln nachts, zerbrechen sich die Köpfe
wenn sie die Träume aus der Seife polken.
Der Taucher hat es einfach: er will tauchen
und muss sich nicht verzweifelt seine Haare raufen.

(Werkstatterzeugnis aus Aqtöbe)


ICH SCHREIBE EIN GEDICHT

Eine Minute lang halte ich
die Kamera ins Dunkel
und filme einen leeren Biergarten in Bishkek
in dem einer einsam
auf seiner E-Gitarre improvisiert
bis eine Motte
auf meinem Kopf landet.
Es scheint ruhig zu sein dort. 


Il etait autrefois un olivier

il ronronnait comme un chaton
quand je caressais ses propres
feuilles douces.

Maintenant il est vieux.
Il s’assoie au bord du pot de fleurs
et compte les cigarettes fumées.

* * * * *

Übersetzung des Gedichts Er war früher ein Olivenbaum durch Alaa Zouiten.


IN DER MARSHRUTKA NACH KANT

lesen sich die Nachbarn Bauch an Bauch
aus ihren dichtbedruckten feuchten Händen.

Dann wächst ein bisher ungekanntes Zeichen aus der Haut.
Im grünen Licht. An der elften Station.

Die Nachbarn flüstern. Sie raunen.
Es gibt zu viele Rosenkreuzer in Bishkek.

Ich dränge mich vorbei an starren grünen Mienen
und atme auf im abendlichen Kant.

DIE BIBLIOTHEK

Bauch an Bauch lesen die Nachbarn
sich aus den dichtbedruckten feuchten Händen

an der elften Station wächst im grünen Licht der Kammer
ein bisher ungekanntes Zeichen aus der Haut

sie flüstern und raunen in der warmen Enge
verzweifelt dränge ich mich mich durch die starren grünen Mienen

empört heult die Maschine auf
im abendlichen Kant erwache ich aus der Marshrutka