wir schlafen

wir liegen und atmen wir schlafen auch dort
wo niemand denkt dass wir schlafen
und schlafen in Banken auf Flößen im fauligen Laub
wir zittern und fiebern wir murmeln
auf Planken und Bänken im tauenden Park
zwischen Säcken wir schlafen an Straßen
an strudelnden Ecken wir raunen im Chor
aus Verstecken an Feuern wir schlafen
wir schlottern in Lauben voll Scham
wir schlafen in Houston in München
wir schlafen in Mumbai in Vladivostok
und in Delhi wir schlafen und schlafen
in Hecken vor Tonnen in klammen fremden Betten
wir schlafen nur halb und wir warten wir warten
auf Arbeit auf Klingen wir warten auf Geld lass uns
schlafen wir schlafen nur halb wir laufen herum
tragen schwer tragen Beutel und Taschen
tragen schwer an uns selbst
und wir schlafen leise und laut
und wir schlafen gefährlich und schlafen immer
nur halb unser Schlaf ist ein Teil deines Traums
kannst du schlafen im Zelt auf Matratzen auf Pappen
auf Pappen lass laufen lass suchen lass schlafen
der Boden ist dünn der Boden ist kalt Boden wartet
bald kannst du schlafen als Bruder
wir schlafen der Boden ist dünn der Boden ist feucht
viel mehr als Du denkst lass uns schlafen

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Ich möchte die Zeit

totschlagen mit diesem Gedicht
doch selbst dazu ist es zu schlicht.


… zumindest kein Kitsch…

In einer Mußestunde aufgelesen:

… weiss ich nicht so recht, was ich mit den „Drei Gedichte[n] aus Kyrgyzstan“ von Moritz Gause anfangen soll – bisschen viel bisschen sehr archaische Landschaft, bisschen sehr archaische Politik in bisschen viel Zwischentönen – zumindest kein Kitsch …

 

Stefan Schmitzer bei fixpoetry
über Drei Gedichte aus Kyrgyzstan
erschienen 2015 in Metamorphosen 11


Im Traum

lache ich über den Freund
der versucht die Limonade
an den Schnaps anzuschließen
den ich ihm reiche
um die Musik zu verstärken

(für Max Oravin)


Ich schreibe ein Gedicht.

Eine Minute lang halte ich
die Kamera ins Dunkel
und filme einen leeren Biergarten in Bishkek
in dem einer einsam
auf seiner E-Gitarre improvisiert
bis eine Motte
auf meinem Kopf landet.
Es scheint ruhig zu sein dort.


DAS GESPRÄCH DER HÄUSER

ist lebhaft geworden
seit die Passanten das Sprechen verlernten.

Aber das stimmt so nicht.
Die sprechen jetzt mit Hilfe leuchtender Schatullen.

Eine Schar Strauße, die manchmal lächeln
unter dem Netz flüsternder Drähte.


ALS VOR DEM IMBISS

eine betrunkene Alte zu tanzen begann
mit lackierten Nägeln die Hüften umschlang
drangen Bündel narbiger Arme in meinen Rachen
und fingen das Graben an

Bevor sie die Brieftasche im Dünndarm zu fassen bekamen
waren die Fritten fertig, goldgelb und knusprig
sich loszureißen war leichter als gedacht
nur die Gedanken blieben

bis ich meine Finger wusch an diesem Papier


MICHELLE, ICH HABE GETRÄUMT VON DIR

Wir hörten Musik vor Publikum
Du mixtest mir Drinks aus Vodka, Fanta und Tabasco.
Jakob Kraner war unser DJ, und er war verdammt gut.
Du warst ganz wunderbar gesprächig, kanntest jeden am Ort
Deine Freunde waren alle sehr herzlich zu mir.
Ich trug einen langen dunklen Mantel und Trainingshosen
und fühlte mich unbeschreiblich wohl darin.
Später rauchten wir Camel im Schloßgarten
und Du zeigtest mir Bern
eine Collage von Bildern aus einem Mittelalterbuch für Kinder.
Das lag wohl daran, dass ich
vor dem Einschlafen an Theoderich gedacht hatte
und noch immer auf Dein Gedicht
über geräucherte Unterhosen warte.


ICH HÄTTE SO GERN EINEN APERO JETZT

wie ich hier auf der Mango sitze und Winde katalogisiere
wo sind die Flugschnecken hin, sie waren mir einst eine große Hilfe


DEMONTIERTES LAND

Hier erfüllt sich das alte Versprechen
überall Blüte zwischen aufgelassenen Kontoren
Mauerritzen, Schornsteinstümpfen
zwischen niemals mehr singenden Gleisen
das Land ist zahnlos geworden
bereit für eine neue Sukzession

(für Florian Liesegang)


GESTERN WIEDER KEIN GEDICHT

hätte ich in 6 min schreiben können hätte
hätte ist vorbei Lutz zwinkert
mir zu im Bus grüne Flasche Schaumahnung Prickelahnung eingeklemmt
rote Schuhe Glitzerboden ja wir fahren mit dem Bus
Omnibus der tuckert schunkelt schaukelt Dschunke
überm Beutenberg Ahoi!


MARIO GELATO

Es wäre eine Geschichte zu schreiben
der jahrzehntelangen Wanderung
der 80er Jahre
der Pizzerien und Pagoden
der Eiscafés und Ibizzaklischees
von Main und Rhein
an Elbe und Pleiße.


Klassischer Dialog (Kurparkstübl)

Der eine: „Es fielen so viele auf sächsischem Feld!“

Der andre: „Und aus meiner Tasche sämtliches Geld.“