Christian Wöllecke

(c) Moritz Gause

(c) Moritz Gause

Christian Wöllecke
1984 in Radebeul geboren. 1990 Umzug nach Thüringen. 2004-2007 Studium der Betriebswirtschaftslehre in Eisenach, seit 2007 Komparatistik-Studium in Berlin, 2013 Stadtschreiber in Ranis.

Veröffentlichungen in der Anthologie Nagelprobe 27, in den Literaturzeitschriften Palmbaum, Zeichen&Wunder und Wortwuchs. Im Oktober 2013 erscheint ein Band mit Erzählungen und Kurzprosa in der Edition Ranis.

Während Wölleckes Zeit als Stadtschreiber in Ranis erschienen Miniaturen, Reflektionen und Tagebucheinträge auf dem eigens eingerichteten Blog Landläufig. Seine Website nennt sich, als Reminiszenz an Wölleckes Herkunft, Die Rostbratwurst der Zwietracht (mit Senf).

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Der erste Tag im Amt

Das Amt war groß, hoch und hatte eine vollkommen ebene, spiegelnde Fassade. Er hielt einen kurzen Moment inne, klopfte den Wisenten auf die Flanken, die kauend und schnaubend vor dem Zweispänner standen und in der Kälte dampften. Er befühlte seine Taschen, das Notizbuch hatte er dabei, den Füller ebenso. Es war eine Neuerung, man musste Neuem gegenüber offen sein. Und es war ja auch besser so, günstiger und kommunikativer, wenn alle Stadt-, Insel-, Berg-, Tal-, Palast-, Hütten- und sonstigen Schreiber ihr Amt in einem gemeinsamen Gebäude versahen.

Vor der Tür standen zwei gewaltige Wachen mit riesigen, goldenen Füllern in den Händen. Die Tinte an den Spitzen glänzte bedrohlich und er zog den Kopf ein, während er, vorsichtig nickend, durch ihre Mitte ging. Aber sie ignorierten ihn, mit der Erfahrung einen Eindringling zu erkennen, ohne ihn gesehen zu haben. Er musste in den Abschnitt C, 2. Etage, Zimmer 931. Sektion Stadtschreiber. Ein paar Schreibergesellen sausten über den Gang, trugen Papier und Schreibgerät in den Händen. Einer balancierte einen Laptop auf dem Kopf. Im Zimmer saßen schon seine eigenen Schreiberlinge, zwei kurz geratene Männer. Die Schreibergesellen waren meistens von kleiner Gestalt, denn die meisten Schreiber mochten es nicht, überragt zu werden.

Er setzte sich langsam, während die beiden sich, Stift und Papier in der Hand, vor ihm aufbauten. „Einen Computer?“, fragte er vorsichtig – gleich war der Erste verschwunden. „Rennt zur Materialbeschaffung und Bereitstellung“, sagte der Zweite. „Duzt ihr euch hier?“, fragte er. „Wie Sie wollen“, antwortete der Geselle. „Im Übrigen“, fuhr er fort, „haben wir schon mehrere Bestellungen.“ „Achja, die Auftragswerke.“ „Genau – einen Hochzeitsbericht, dann, äh, eine Lebensbeichte, ein Manifest, gespickt mit Verhöhnungen, zu verlesen im Nachbarort und nicht zuletzt eine recherchierte Reportage über den Sportplatz und seine geschichtliche Entwicklung.“ „Ach ja“, sagte der Stadtschreiber und hüstelte. „Na vielleicht sollte ich erstmal … den Kopf lüften, den Magen füllen, ja.“ Und er erhob sich wieder, ging unsicher hinaus. „Wo ist … ach nein, ich finde schon alles, danke.“

Als der zweite Geselle zurückkehrte, den Rechner in der Hand und mächtig schnaufend, fand er nur seinen Kollegen vor. „Und der Schreiber?“ „Typischer Schreiber.“ „Und dann müssen wir uns wieder die halbe Nacht um die Ohren schlagen.“ „Ich hatte ja gehofft, dass mal einer kommt, der von neun bis siebzehn Uhr arbeitet, regelmäßig.“ „Diese Schreiber.“ Sie hatten drei Monate auf den neuen Stadtschreiber gewartet. Nun machten die paar Stunden, sein Besuch in der Kantine, im Raucherzimmer und in der Amtskneipe, den Kohl nicht mehr fett. Der eine nahm das Telefon. „Ja, wird spät. Wahrscheinlich komme ich erst früh Morgens nach Hause. Was? Ja, ja genau, wir können wenigstens lange ausschlafen. Ein typischer Schreiber.“

„Jetzt werde ich produktiv“, lallte der Stadtschreiber und warf den Stuhl der Amtskneipe um. Er torkelte in den Gang hinaus, stolperte die Treppen herab, suchte und fand schließlich sein Büro. Die Schreibergesellen standen, scheinbar unverändert, noch immer am selben Platz und sahen ihn an. „Jetzt schreiben wir“, riss er den Finger empor. „Schreibt: Es war ein kühler Tag und – es gab Regen und ich betrat meine Amtsstube. Äh … Gleich ging ich ans Werk, frisch ans Werk meine ich, ich spuckte in die Hände und schrieb eine Erzählung. Sie kam von Kafka her, ich nannte sie Das Amt, ein riesiges Gebäude … äh ja … darin konnte man sich verlieren. Eine unbekannte Macht hatte einem im Griff.“ „Der Alkohol“, flüsterte einer der Schreibergesellen. Der andere lachte. „Was gibt es da zu Lachen“, schrie und lallte der Schreiber zu gleich. „Wartet nur, ich werde euch“, aber da wurde ihm schwindlig, er fiel in seinen Sitz, schlug mit dem Kopf auf der Tischplatte auf und atmete sofort rasselnd und tief. „Endlich“, sagte der Erste. „Kafkaesk“, sagte der Zweite und feixte. „Feierabend“, sagten beide. Sie löschten das Licht und verließen, sich mit ein paar anderen Schreibergesellen über das Tagwerk austauschend, das nun in tiefer Stille liegende Amt. Nur ganz vereinzelt hätte man vielleicht, dann und wann, irgendwo im Haus, ein schwaches Tippen vernehmen können.

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One Comment on “Christian Wöllecke”

  1. […] Christian Wöllecke stellt sein erstes Buch vor. “Einer muss der Uke […]