Bis wir uns wiedersehen 

Noch 11 Tage. Immer noch
noch 11 Tage. Noch immer
noch 11 Tage. 11 Tage,
noch immer. Immer noch…


ACH

es ist einer dieser
kirgisischen Abende am Küchentisch mit Cognac
an dem Zigaretten nur stören würden
weil soviel zu sagen ist
und mehr nicht
singen die Vögel vor dem Fenster
bis es hell wird

(für Ainagul)


EIN FLÜCHTIG 

beschriebenes Papier im Wind
Du bindest mich zärtlich
in unser Buch


ICH TRAGE DIES BÜCHLEIN BEI MIR

jeden Tag als ob Regen
sich sammeln könnte darin.

Verse von Bettlern, Verrückten, von Milizionären
denen das Handgeld ihrer Verzweiflung
zur Gewohnheit geworden ist.

Der Regen ist sperrig geworden.
Die Maschen des Siebes sind eng.

An traurigen grauen Tagen
wünsch ich mir Regen
an sonnigen Tagen für Dich.


UNSRE HERZEN SCHLAFEN

auf dem Mond in einem See.
Wir sitzen in Taxen, in Zügen
auf Bänken im Park.

Das Gespräch unsrer Haut
geht vom Blau, geht vom Weiß
von Medusen.

Dein Du mich ich Dich.
Bitte sag nie irgendwann.


EIN LEHRREICHES GEDICHT 

Ein Riesenrad im Morgennebel. 
In einem unbewohnten Haus 
ein kichernder Sessel. 

Ein summender Stift 
der unter einem Katarakt aus Fliegen 
seine erste Liebe trifft. 

Vielleicht ist dies 
kein lehrreiches Gedicht. 

Dies ist der Traum 
eines träumenden Fischs.


ICH MÖCHTE DIE ZEIT

totschlagen mit diesem Gedicht
doch selbst dazu ist es zu schlicht.


TASCHENBILDER

müde Kalke kriechen abwärts
durch die alten Schläuche: Schmerz.

Junge Kalke heißen Wein und springen
bringen Bauchredner zum Singen.

(Werkstatterzeugnis aus Astana.
Gedicht mit vier Versen auf die Wörter:
Bauchredner, Schmerz, springen, Tasche, Bild)


…Implosionen der Wirklichkeit und Ausbrüche[n] der Wehmut…

„Europa – eine Idee, ein Schlachtfeld, ein Raum, eine Hoffnung, eine Zerrissenheit“

Babelsprech.org […] ist mit neun verschiedenen Dichter*innen vertreten.

Den Anfang macht Moritz Gause, mit einem Gedicht, das man wohl zornig nennen darf. Zornig, mit einigen schnellen Brüchen und starken Bildern, Implosionen der Wirklichkeit und Ausbrüchen der Wehmut. Eine Sehnsucht ist darin, bäumend und klamm, der Wind möge wieder über friedlichere Ebenen wehen, statt sich an Wolkenkratzern zu brechen und Plastiktütenmüll zu bauschen.

Timo Brandt bei fixpoetry
über Journal aus Bischkek
erschienen 2016 in AKZENTE (Ausgabe 3/2016: Europa)

 

 


… zumindest kein Kitsch…

In einer Mußestunde aufgelesen:

… weiss ich nicht so recht, was ich mit den „Drei Gedichte[n] aus Kyrgyzstan“ von Moritz Gause anfangen soll – bisschen viel bisschen sehr archaische Landschaft, bisschen sehr archaische Politik in bisschen viel Zwischentönen – zumindest kein Kitsch …

 

Stefan Schmitzer bei fixpoetry
über Drei Gedichte aus Kyrgyzstan
erschienen 2015 in Metamorphosen 11


NOCH GEHT DIE WELT NICHT UNTER

Er lässt ausrichten
er sei auf unbestimmte Zeit verreist.

Sanfte Stimme, Regenschirm.
Die Koffer lange schon gepackt.

Bevor er in den Rover steigt
bringt er dem Nachbarn die Katzen.

(für Christopher Steele)


IM TRAUM

lache ich über den Freund
der versucht die Limonade
an den Schnaps anzuschließen
den ich ihm reiche
um die Musik zu verstärken

(für Max Oravin)


Nur wenn ich denken möchte, schlaf ich ein. Doch wenn ich schlafen möchte, muss ich denken.

Die Forderung nach einer – im allgemeinen Sinne – verständlichen Literatur ist die hilflose Geste derjenigen, die vom Dichter verlangen, alle Antworten bereits zu kennen. Dieses Verlangen ist Ausdruck der Angst vor den (dem) Fragen, vor dem Selber-Denken. Die Figur des fragenden, des zweifelnden oder gar verzweifelnden Dichters ist die Angstgestalt der Nach-Denker, derjenigen, die eines Vor-Denkers bedürfen.