wir schlafen

wir liegen und atmen wir schlafen auch dort
wo niemand denkt dass wir schlafen
und schlafen in Banken auf Flößen im fauligen Laub
wir zittern und fiebern wir murmeln
auf Planken und Bänken im tauenden Park
zwischen Säcken wir schlafen an Straßen
an strudelnden Ecken wir raunen im Chor
aus Verstecken an Feuern wir schlafen
wir schlottern in Lauben voll Scham
wir schlafen in Houston in München
wir schlafen in Mumbai in Vladivostok
und in Delhi wir schlafen und schlafen
in Hecken vor Tonnen in klammen fremden Betten
wir schlafen nur halb und wir warten wir warten
auf Arbeit auf Klingen wir warten auf Geld lass uns
schlafen wir schlafen nur halb wir laufen herum
tragen schwer tragen Beutel und Taschen
tragen schwer an uns selbst
und wir schlafen leise und laut
und wir schlafen gefährlich und schlafen immer
nur halb unser Schlaf ist ein Teil deines Traums
kannst du schlafen im Zelt auf Matratzen auf Pappen
auf Pappen lass laufen lass suchen lass schlafen
der Boden ist dünn der Boden ist kalt Boden wartet
bald kannst du schlafen als Bruder
wir schlafen der Boden ist dünn der Boden ist feucht
viel mehr als Du denkst lass uns schlafen

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Meine Liebste

lebt in einem Land aus Blei.
Uns trennen Hinterhöfe alter Männer.

Uns trennen Grenzsoldaten, junge Männer
die ungläubig durch meine Verse blättern.

Uns trennen Blutentnahmen, Fingerprints.
Uns trennen fehlende Kopien.

Kamele beim Angeln auf dem Ring des Saturn
wünschen uns die Fähigkeit, zu fliegen.

Ich trinke Cognac in der Nacht
wenn ich auch nicht in Träumen zu Dir finde.


Wir sind Uferbewohner

wir warten wer
schickt mir Nachricht
ein Federstäubchen
von einem anderen
uferbewohnenden
wartenden Herz


Ach!

es ist einer dieser
kirgisischen Abende am Küchentisch mit Cognac
an dem Zigaretten nur stören würden
weil soviel zu sagen ist
und mehr nicht
singen die Vögel vor dem Fenster
bis es hell wird

(für Ainagul)


Ein flüchtig

beschriebenes Papier im Wind
Du bindest mich zärtlich
in unser Buch


Ich trage dies Büchlein bei mir

jeden Tag als ob Regen
sich sammeln könnte darin.

Verse von Bettlern, Verrückten, von Milizionären
denen das Handgeld ihrer Verzweiflung
zur Gewohnheit geworden ist.

An traurigen grauen Tagen
wünsch ich mir Regen für uns.

(für Werner)

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Unsre Herzen schlafen

auf dem Mond in einem See.
Wir sitzen in Taxen, in Zügen
auf Bänken im Park.

Das Gespräch unsrer Haut
geht vom Blau, geht vom Weiß
von Medusen.

Dein Du mich ich Dich.
Bitte sag nie irgendwann.


Ein lehrreiches Gedicht

Ein Riesenrad im Morgennebel.
In einem unbewohnten Haus
ein kichernder Sessel.

Ein summender Stift
der unter einem Katarakt aus Fliegen
seine erste Liebe trifft.

Vielleicht ist dies
kein lehrreiches Gedicht.

Dies ist der Traum
eines träumenden Fischs.


Ich möchte die Zeit

totschlagen mit diesem Gedicht
doch selbst dazu ist es zu schlicht.


Taschenbilder

müde Kalke kriechen abwärts
durch die alten Schläuche: Schmerz.

Junge Kalke heißen Wein und springen
bringen Bauchredner zum Singen.

(Werkstatterzeugnis aus Astana.
Gedicht mit vier Versen auf die Wörter:
Bauchredner, Schmerz, springen, Tasche, Bild)


…Implosionen der Wirklichkeit und Ausbrüche[n] der Wehmut…

„Europa – eine Idee, ein Schlachtfeld, ein Raum, eine Hoffnung, eine Zerrissenheit“

Babelsprech.org […] ist mit neun verschiedenen Dichter*innen vertreten.

Den Anfang macht Moritz Gause, mit einem Gedicht, das man wohl zornig nennen darf. Zornig, mit einigen schnellen Brüchen und starken Bildern, Implosionen der Wirklichkeit und Ausbrüchen der Wehmut. Eine Sehnsucht ist darin, bäumend und klamm, der Wind möge wieder über friedlichere Ebenen wehen, statt sich an Wolkenkratzern zu brechen und Plastiktütenmüll zu bauschen.

Timo Brandt bei fixpoetry
über Journal aus Bischkek
erschienen 2016 in AKZENTE (Ausgabe 3/2016: Europa)

 

 


… zumindest kein Kitsch…

In einer Mußestunde aufgelesen:

… weiss ich nicht so recht, was ich mit den „Drei Gedichte[n] aus Kyrgyzstan“ von Moritz Gause anfangen soll – bisschen viel bisschen sehr archaische Landschaft, bisschen sehr archaische Politik in bisschen viel Zwischentönen – zumindest kein Kitsch …

 

Stefan Schmitzer bei fixpoetry
über Drei Gedichte aus Kyrgyzstan
erschienen 2015 in Metamorphosen 11


Noch geht die Welt nicht unter

Er lässt ausrichten
er sei auf unbestimmte Zeit verreist.

Sanfte Stimme, Regenschirm.
Die Koffer lange schon gepackt.

Bevor er in den Rover steigt
bringt er dem Nachbarn die Katzen.

(für Christopher Steele)